Die Charta von Lampedusa – Vom 31. Januar bis 2. Februar 2014

Am 3. Oktober 2013 haben 368 Menschen einige Meilen von der Insel Lampedusa entfernt ihr Leben verloren. Sie starben bei dem Versuch Europa zu erreichen.
Wenige Tage später verschlingt das Meer an der gleichen Stelle Hunderte von Menschen aus Syrien.

Dies sind nur einige der Tausende von Opfern der europäischen Grenzen: etwa zwanzigtausend in den letzten fünfundzwanzig Jahren.
Dennoch hat die Europäische Union, trotz finanzieller Krise, nicht aufgehört, Milliarden von Euros in die Militarisierung der Grenzen zu investieren: in Lampedusa wie in Melilla, über die Evros-Mauer hin zu Frontex-Patrouillen, bis zum Herzen der libyschen Wüste, in die die Union ihre Kontrollmechanismen ausgelagert hat.

Aber die Grenzen Europas produzieren nicht nur Tote.
Grenzen – und die Gesetze, die sie definieren und regulieren – haben verheerende Auswirkungen auf das Leben derer, die sie überqueren sowie auf das Leben von uns allen. Sie erzeugen Hierarchien zwischen Inhabern eines europäischen Passes und Nicht-EU-Bürgern; sie beeinflussen die Mobilität der EU-Bürger selbst; sie differenzieren zwischen “Wirtschaftsmigranten” und “Flüchtlingen”; sie trennen “alte” Armut von “neuer” ; sie erhöhen Ausbeutung und Erpressungen; sie beschneiden die Rechte aller durch die Errichtung von Kontrollvorrichtungen, zur Abwehr derjenigen, die versuchen Europa zu erreichen; sie sind verflochten mit Sparpolitiken und offenbaren so die Ursachen einer mittlerweile chronisch und strukturell gewordenen globalen Ungerechtigkeit.

All dies geschieht vor dem Hintergrund einer massiven Aushöhlung demokratischer Institutionen, beständiger Rechtsbeugung und andauernder Missachtung des Grundprinzips, das Rechte universell und unveräußerlich sind.

Deswegen haben wir beschlossen, die Geographie Europas und damit die Karte unserer Rechte umzuschreiben.

Vom 31. Januar bis 2. Februar 2014 werden wir uns auf Lampedusa treffen, um die CHARTA VON LAMPEDUSA zu schreiben: um uns der derzeitigen Situation entgegenzustellen und ihr ein anderes Recht entgegenzusetzen. Ein Recht, das von unten geschrieben ist. Ein Recht auf Leben, das Menschen an erste Stelle stellt und dabei ihre Würde, Wünsche und Hoffnungen achtet; ein Recht, das derzeit keine einzige Institution in der Lage wäre, zu gewährleistet; ein Recht auf Verteidigung, das wir zurückfordern und erhalten; ein Recht von allen und für alle.

Ein Recht, dass sich von den Forderungen Geflüchteter ableitet, von den Stimmen der Männer und Frauen, die Bewegungsfreiheit und die Freiheit, dort zu bleiben, wo sie wollen, einfordern; von den Aktionen gegen Abschiebungen und Push-backs; von den Besetzungen leerer Häuser, während nach wie vor Millionen von Menschen keine Unterkunft haben; von den Kämpfen für ein faires Einkommen, und gegen entwürdigende Arbeitsbedingungen und Sklaverei; von Unterstützer*innengruppen und der Praxis gegenseitiger Hilfe und Zusammenarbeit; von der Einforderung bestehender rechtlicher Mechanismen; von den Kämpfen gegen Diskriminierung und Rassismus. Ein Recht, das aus den Kämpfen gegen Haft und Lager heraus entsteht und der Staatsbürgerschaft eine neue Gestalt gibt – eine, die mit weitergehenden und vielfältigeren Rechten ausgestattet ist, und die ausschließende Bedingungen, die deren Erteilung in den letzten Jahrzehnte prägte, abschafft.

Eine Vielzahl von Bewegungen und Bündnissen, Netzwerken und Organisationen, europäischen und nordafrikanischen, arbeiten zusammen, um dieses Treffen auf Lampedusa zu ermöglichen und von dort die Geschichte des Mittelmeerraums und darüber hinaus neu zu schreiben. Beginnen wollen wir mit der Umkehrung des Bildes Lampedusas als medienwirksamer Insel der Grenze.

Lasst uns zusammen die Charta von Lampedusa schreiben.
Eine grundlegende Absprache zwischen vielen verschiedenen Gruppen, ein kollektiver Prozess, eine Gemeinschaftsfläche, für deren Erhalt alle gemeinsam die Verantwortung tragen, ein*e jede*r mit seinen*ihren eigenen Methoden und Möglichkeiten. Eine Chance, gemeinsam zu verstehen, wie eine Geographie der Veränderung geschaffen werden könnte, um die Grenzen Europas zu überwinden und dieses Manifest Wirklichkeit werden zu lassen.

Vorläufiger Ablauf und Methoden
Freitag 31. Januar – Sonntag 2. Februar 2014

– Treffen mit dem Bürgermeister und den Bewohner*innen Lampedusas
Kennenlernen der Insel, der Forderungen der Bewohner*innen, des Lebens an einem Ort, der durch die europäische Politik dazu verurteilt ist, ein Grenzleben zu führen.

– Diskussion und erster Entwurf der Charta von Lampedusa
Ausgangspunkt ist die bereits im DocuWiki lacartadilampedusa.org begonnene Arbeit (um die Zugangsdaten für Einträge zu erhalten, wende Dich an [info@lacartadilampedusa.org->] und frage nach dem Passwort)
Wir schreiben unser kollektives Manifest, schreiben ein neues Recht, das von unten kommt, um die durch die Grenzpolitiken aufgezwungenen Sprachen und Institutionen umzudrehen.

– Plenum
Damit die Lampedusa Charta Realität wird. Eine Diskussion zu Vorhaben und gemeinsamen Aktionen, zum Kontakte knüpfen und zum Austausch über Kampagnen, deadlines und Initiativen.

– Um das Event bekannt zu machen
Charter of Lampedusa auf Facebook
Der Hashtag auf Twitter wird #cartadilampedusa sein.

– Flüge
Wir arbeiten daran, Gruppenflüge zur Insel zu organisieren (bald gibt es aktuelle Infos zu Abfahrtspunkten und Bedingungen).

Unterkunft
Eine Liste mit Wohnungen und Räumen, die angemietet werden können, wird bald zur Verfügung stehen.