Angst, Wut, Streit. Komplizenschaft mit Mimmo Lucano

Es stimmt nicht, dass Lucano nichts getan hat. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. Der strukturierte, gewaltsame und breit angelegte Angriff auf die in Riace erprobten Formen der Solidarität markiert einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Die Verurteilung von Mimmo Lucano zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren und zwei Monaten ist eine absolute Tatsache. Die Entscheidung des Gerichtshofs von Locri ist eine aktuelle Momentaufnahme der heutigen politischen und rechtlichen Landschaft und der Machtverhältnisse, die die Gesellschaft organisieren. Und es ist ein schreckliches Bild.

In diesen Stunden scheinen vor allem zwei Empfindungen das Umfeld der Solidarität zu beherrschen. Die erste ist die Angst. Die Unverfrorenheit der anderen Seite ist erschreckend: Es gibt keinen Grund, sie zu leugnen. Ist es möglich, nicht gelähmt zu sein? In erster Linie ist es sinnvoll, die Angst nicht abzulehnen, sondern sie zu begrüßen. Macht sie euch zu eigen, bewohnt sie. Man muss sie aufschlüsseln, verstehen, sozialisieren und politisieren. Wir haben Angst, weil die systemische Gewalt, die organisatorische Macht und die taktische Dreistigkeit der Feinde der Solidarität weitreichend sind. Von diesem Bewusstsein aus müssen wir neu beginnen. Es bedarf ehrgeiziger, radikaler und struktureller kollektiver Antworten auf den allgemeinen Angriff auf die Solidarität, für den die Lucano-Affäre der Lackmustest ist.

Neben der Angst auch die Wut. Ein wertvolles Gefühl, das es zu pflegen, zu erzählen und zu verbreiten gilt. Es ist wichtig, dass man sich über die Entscheidung des Gerichts von Locri ärgert. Ein tiefer, instinktiver, körperlicher Zorn. Es ist richtig und möglich, ihn in systemische Wut umzuwandeln. Hinter der Verurteilung von Lucano verbirgt sich ein komplexes System von juristischen, politischen und administrativen Befugnissen, Reden und Erzählungen. Es ist notwendig und sinnvoll, sich über diejenigen zu ärgern, die auf verschiedene Weise den Erlass einer Entscheidung dieser Tragweite – in juristischer, politischer und diskursiver Hinsicht – ermöglicht haben. Wut ist ein Gefühl voller politischer Implikationen, voller Potenzial. Auf der ganzen Welt wurden grundlegende Erfahrungen mit Konflikten und Organisation rund um das Thema würdiger Zorn gesammelt. Beginnen wir noch einmal bei der Wut.

Jenseits der Angst, in der Wut. In welche Richtung sollten wir uns bewegen, um das Feld der Solidarität neu zu beleben und ihm eine neue politische Kraft zu verleihen? In diesen Stunden unmittelbar nach der Verurteilung ist es schwierig, sich umfassende Antworten vorzustellen. Es gibt jedoch eine – subtile, aber präzise – Spur, der zu folgen nützlich sein kann. Hinter der organisierten Gewalt gegen Lucano verbirgt sich eine Menge Angst. Angst vor dem System der Werte, Beziehungen und Konflikte, das Lucano umgibt. Seine Gestalt selbst ist dialektisch nicht durch das Gegenüber absorbierbar. Er repräsentiert die realisierte Idee, dass es möglich ist, sich eine reale Dimension – hier und jetzt – vorzustellen und zu konstruieren, die sich radikal von der vorherrschenden Rationalität unterscheidet. Die andere mögliche Welt ist weder ein strukturell schwer fassbarer Horizont noch eine flüssige Idee. Seine Präfiguration ist hier möglich, und Lucano ist eine seiner plastischsten Darstellungen. Aus all diesen Gründen ist sie so schwer getroffen worden. Aus all diesen Gründen ist das Riace-Modell ein noch offener Weg, der in die Zukunft weist.

Es stimmt nicht, dass Lucano nichts getan hat. Genau das Gegenteil ist der Fall. Er hat – zusammen mit so vielen – gezeigt, dass es möglich ist, radikale Infrastrukturen der Solidarität aufzubauen, die die herrschende Logik umstoßen und verkünden, was wir sein könnten. Die Verteidigung von Mimmo Lucano ist notwendig, aber nicht ausreichend. Auch wenn es wichtig ist, Solidarität und Mitschuld zu bekunden, muss jede defensive Haltung abgelehnt werden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um mit Aktionen, Sprachen, Organisationsformen und radikalen, weitreichenden Kämpfen zu experimentieren, die der aktuellen Herausforderung gerecht werden. Dem Ärger Luft zu machen und ihn zu verallgemeinern. Um dem gegnerischen Lager eine gehörige Portion Angst einzujagen.